Bauten für die Industrie

Pagels-Hellwig, Kristina
Bauten für die Industrie
Bauten für die Industrie
 
Auflage
1. Auflage
Umfang
515 Seiten, mit Abb.
Einband
gebunden
Erscheinungstermin
30.06.2012
Bestell-Nr
14164
ISBN
978-3-402-14164-9
Preis
24,50

Weitere Informationen


Fritz Schupp und Martin Kremmer gehören zu den bedeutendsten deutschen Industriearchitekten des 20. Jahrhunderts. Die 1922 gegründete Bürogemeinschaft hat den Industriebau, vor allem im Bergbau, maßgeblich beeinflusst und war im Ruhrgebiet bei nahezu jeder größeren Werksanlage an der Planung und Ausführung beteiligt. Gleich zwei ihrer ausgeführten Entwürfe, die Zeche Zollverein in Essen und das Erzbergwerk Rammelsberg in Goslar/Harz, gehören heute zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Der zeichnerische Nachlass Schupp/Kremmer ist 2002 in einem Umfang von 17.570 Plänen in das Bergbau-Archiv beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum übernommen worden. Dies bildete die Grundlage für ein von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung gefördertes Erschließungs- und Forschungsprojekt, dessen Ergebnisse nunmehr vollständig vorliegen. Nach dem Erscheinen der ersten beiden Bände („Vom Entwurf zum Depositum“, DBM Nr. 154, und „Der zeichnerische Nachlass der Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer. Inventar und Bestandskatalog“, DBM Nr. 183) vollendet der hier vorliegende dritte Band die Publikationsreihe zum Gesamtwerk der beiden Architekten. Letzterer befasst sich mit der wissenschaftlichen Auswertung und Einordnung des bislang weitgehend unerforschten zeichnerischen Nachlasses und ist gleichzeitig die Dissertation der Verfasserin an der RWTH Aachen.

Der Nachlass dokumentiert fünf Jahrzehnte Planungstätigkeit der Jahre 1921 bis 1971. Die Veröffentlichung behandelt zunächst die Studienzeit und den Beginn der Berufsausübung der beiden Architekten sowie ihre ersten Großprojekte (Zentralkokereien Alma und Nordstern, Zentralschachtanlage Zollverein 12) vor dem Hintergrund der Modernisierungs- und Konzentrationsbemühungen der 1920er Jahre und der Gründung der Vereinigte Stahlwerke AG. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Tätigkeit des Büros Schupp/Kremmer im Nationalsozialismus. Die Autarkie- und Aufrüstungsbestrebungen der Machthaber sorgten für eine regelrechte Auftragsflut. Basierend auf den Projekten Schupp/Kremmers in den Bereichen Bergbau und synthetischer Treibstoffherstellung wird der Versuch unternommen, einen Beitrag zur Entkräftung der Legende vom Industriebau als ‚Nische‘ moderner und ‚unbelasteter‘ Architektur während des Nationalsozialismus zu leisten. In der Nachkriegszeit versuchte Fritz Schupp erfolgreich, in seinen Planungen zur Zeit des ‚Wirtschaftswunders‘ an kubisch-funktionale Entwürfe der 1920er und frühen -30er Jahre anzuknüpfen. Ein weiterer, wichtiger Aspekt ist der Umgang des Büros Schupp/Kremmer bzw. des Büros Fritz Schupp mit neuen Konstruktionen und Materialien, welcher insbesondere für den Zeitraum der 1950er und -60er Jahre untersucht wird.

Bei der Durchsicht der Zeichnungen fiel die konservative, für eine traditionelle, handwerkliche Ausführung bestimmte Gestaltung auf. Sie trifft insbesondere auf Gebäude zu, die für Menschen und nicht für technische Anlagen konzipiert waren, beispielsweise Verwaltungsgebäude und Sozialbauten. Der hohe Anteil an konservativ orientierten Entwürfen im Nachlass steht in einem krassen Gegensatz zu dem Bild der klaren, kubisch-funktionalen Industriearchitektur, mit der das Büro noch heute assoziiert wird. Die übliche Reduzierung des Gesamtwerks Schupp/Kremmer auf diese Gestaltungshaltung – mit der Zeche Zollverein 12 als berühmtesten Beispiel – hat so etwas wie einen ‚Mythos Schupp/Kremmer‘ entstehen lassen. Bei der Bewertung der unterschiedlichen Gestaltungshaltungen im Gesamtwerk Schupp/Kremmer kristallisierte sich der Einfluss der Montanindustriellen auf die Architektur als bestimmendes Element heraus. Die Mentalität und gestalterischen Vorlieben der Bergwerksdirektoren manifestieren sich in vielen detaillierten Planunterlagen.

Durch die wissenschaftliche Auswertung des Nachlasses Schupp/Kremmer konnte die Bandbreite der Aufgaben und ihre gestalterische Vielfalt erstmals in dieser Deutlichkeit herausgestellt werden. Gerade der nicht-lineare Verlauf, die Brüche und Kontradiktionen im Gesamtwerk belegen seine Relevanz für eine Architekturgeschichte, die sich mit dem Pluralismus und den besonderen Problemen und Aufgabenstellungen des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt.
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