Die Studie geht von der Annahme aus, dass sich die katholische Moraltheologie in einer Sackgasse befindet, und schlägt einen Ansatz vor, diesen Befund anhand der Fallstudie der Homosexualität zu beleuchten und zu verstehen. Unter Berücksichtigung naturwissenschaftlicher Forschung, lehramtlicher Stellungnahmen sowie theologisch-ethischer Reflexionen zur Homosexualität gelangt sie zu der Einsicht, dass die Problemlage – zumindest im Blick auf die Frage der Homosexualität – nicht darin begründet liegt, dass das katholische Lehramt eine Position zur Homosexualität eingenommen hat, sondern in der Voraussetzung, die ethische Bewertung der Homosexualität sei in dem Moment entschieden gewesen, in dem das Lehramt hierzu Stellung bezogen hat. Diese Einsicht tritt deutlich hervor, wenn verschiedene Diskurse über Homosexualität zusammengeführt werden und sich wechselseitig herausfordern. Dabei zeigt sich, dass selbst grundlegende Fragen wie „Was ist Homosexualität?“ weiterhin umstritten bleiben und einer weiteren Diskussion bedürfen. Solange der Stand dieser Debatten jedoch unberücksichtigt bleibt, weckt dieses „eklatante Versäumnis“ den Verdacht, dass der eigentliche Ursprung und das Wesen dieser Sackgasse nicht mit der Frage der Homosexualität zusammenhängen, sondern mit der Art und Weise, wie die Disziplin der Moraltheologie funktioniert oder funktionieren soll.
Über den Autor
Dr. Nenad Polgar ist seit 2023 Professor für theologische Ethik an der Fakultät für Theologie und Religionswissenschaft (Katholische Universität Leuven). Er promovierte 2012 an derselben Universität und habilitierte sich 2021 an der Universität Wien.